Matthijs Vermeulen

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ZWEITE SONATE FÜR VIOLONCELLO UND KLAVIER (1927/1937-38)
 
Zehn Jahre trennen die Konzeption beider Sätze der zweiten Sonate; einen Zeitraum in dem Vermeulen nur die Musik zu De Vliegende Hollander (dem fliegenden Holländer) komponierte. Kurz nach der Erstaufführung seiner ersten Sonate für Violoncello, fing Vermeulen im Frühjahr 1927 mit der Arbeit an dieser Sonate an, aber schon im Sommer desselben Jahres fand sich Vermeulen leider gezwungen, diese Arbeit einzustellen, da ihm die journalistische Arbeit als Pariser Korrespondent für das Soerabaiasch Handelsblad völlig in Anspruch nahm. Erst Januar 1937 nahm sich Vermeulen seine Sonate wieder vor, und am 9. August desselben Jahres stellte er den ersten Satz fertig. Am 29. August 1938war auch der zweite Satz vollendet.
          Obwohl stilistisch keine Lücke spürbar ist, sind zwei bemerkenswerte und einschneidende Unterschiede zwischen beiden zu betonen: die hohe Tessitur der Violoncello-Partie des zweiten Satzes, sowie die tonale Orientierung einzelner Fragmente dieses Satzes. Anregung zur Benutzung der hohen Tessitur des Instrumentes war eine Rundfunksendung des Violoncello-Konzertes von Camille Saint-Saens im März 1937, das vom holländischen Virtuos Henk van Wezel gespielt wurde. Durch dessen vorzüglichen Ton wurde Vermeulen völlig klar, dass auf sämtlichen Saiten des Violoncellos das Hervorbringen von Wohlklang und Expressivität durchaus möglich ist. Die tonale Orientierung des zweiten Satzes wurde zweifellos von der Kritik des Dirigenten Pierre Monteux, eines Experten auf dem Gebiet der 'Neuen Musik', hervorgerufen. Anlässlich seiner dritten Symphonie erreichte Vermeulen 1929 eine kritische Bemerkung von Monteux über die Dissonanz-Wirkung seiner Musik. Schon die Musik zu dem 1930 komponierten De Vliegende Hollander zeigte Vermeulens bewusstes Bestreben zur Integration tonaler Elemente.
          Genauso wie die Violin-Sonate wird die zweite Violoncello-Sonate von einem einzigen Motiv geprägt. Diesmal handelt es sich um sogenannte sich kreuzende Sekund-Beziehungen, welche sich in vier Gestalten präsentieren: entweder als ein Ganzton (steigend oder fallend), an den sich ein Halbton in Gegenbewegung (fallend oder steigend) anschliesst, oder als ein Halbton (steigend oder fallend) mit in der Bewegung kontrastierendem Ganzton (fallend oder steigend). Vermeulen verwendet dieses melodische Prinzip als Mittel, Ordnung zu schaffen bei dem Entwurf einer grossen Varietät freier Melodien.
         Der erste Satz der Sonate ist eine Aneinanderreihung von Segmenten, in denen sich unterschiedliche Themen in der Hauptrolle präsentieren: Thema A mit Ausarbeitung; Thema B, seine Wiederholung und Ausarbeitung; Thema C und seine Wiederholung in der Form eines Kanons; Thema D und eine transponierte Wiederholung desselben; Thema E (usw). Kurz vor Ende dieses Satzes durchbricht der Komponist diesen Plan: Thema A kehrt wieder; in seiner fast kompletten Gestalt soll es anscheinend die innere Einheit der Melodik des ersten Satzes betonen.
          Der zweite Satz hat die Form eines Rondos, dessen Refrain die Tonart C-dur suggeriert. Dieser Satz mündet in ein kräftiges Finale mit passacaglia-ähnlicher Struktur, in dem beide Instrumente im tiefen Bereich und abwechselnd eine Zwölfton-Melodie vorführen:
 
 
Also stellt sich Vermeulen letztendlich auch in diesem Werk mit seiner fast symphonischen Ausstrahlung als Komponist atonaler Musik vor.
          Die Erstaufführung des Werkes fand am 21. Juni 1943 in Paris statt. Die Aufführenden waren Paul Tortelier (Violoncello) und Lia Palla (Klavier).
 
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