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TROIS SALUTATIONS À NOTRE-DAME für Sopran und Klavier (1941)
 
Den Ursprung dieses musikalischen Triptychons auf Text des bekannten Mariengebets verdanken wir Vermeulens Tochter Anny, die während ihrer Adoleszenz aus persönlichem Bedürfnis zum Katholischen Glauben übergegangen war und ihren Vater aufgefordert hat, ihr ein Ave-Maria zu komponieren. Nach Vollendung seiner vierten Symphonie fand Vermeulen den "freien Horizont", um sein Versprechen zu erfüllen. Das Komponieren verlief unerwartet erfolgreich. Der Komponist sah sofort Möglichkeiten, dem Text noch eine andere, mehr ausgearbeitete Melodie zu unterlegen, und charakterisierte sie als eine sehr freie Melopäie, mit der er versuchte "den Sinn und das Mysterium der Worte" nahe zu kommen. Um die Länge der Komposition in einen ausgeglichenen Rahmen zu fassen entschloss sich Vermeulen zu der Form eines Triptychons, und anschliessend einem kurzen Abschluss "auf einem einigermassen irdischen Plan". Die unterschiedlichen Teile fügte er unter dem Titel Trois salutations à Notre-Dame zusammen; und benannte sie – in Anlehnung an Debussys La Mer: "De l’aube", "De midi" und "Du soir".
         Die ziemlich einfache und vorwiegend syllabisch fortschreitende Gesangstimme im ersten und im dritten Ave-Maria zeigt eine bemerkenswerte Verwandtschaft mit dem Melodiebau in Alphons Diepenbrocks Oeuvre. Obendrein offenbart sich in dem kompositions-technischen Verfahren, sowie auch im orgel-ähnlichen Charakter des polyphonen Gewebes der Klavierpartie, eine Übereinstimmung mit Liedern von Vermeulens früheren Mentor. So erscheint der Diskant oft als eine Umspielung der Gesangsmelodie, und enthält der tiefe Bereich der Klavierpartie regelmässig Oktavgänge.
         Im ersten Teil, dessen klare Form von wiederkehrenden Melodien geprägt wird, hat Vermeulen zweifellos Anschluss an die Mentalität des Empfindens seiner Tochter Anny gesucht. Das dritte Ave-Maria, anscheinend seinem jüngsten Sohn Donald zugedacht, besteht aus drei Segmenten, von denen die beiden Eckteile eine akkordische, glockenartige Begleitung haben, und mit dem mittleren Segment kontrastieren.
         Das zweite Ave-Maria,  mit seinen ausgesponnenen, chromatischen Melismen in der Gesangstimme und dem dichten Kontrapunkt in dem Klaviersatz, dem Stil der Violin-Sonate und der zweiten Violoncello-Sonate ähnlich, komponierte Vermeulen für Josquin, den Sohn, den er seit dessen Geburt als sein Alter Ego betrachtete.
         Vermeulen hat keine Aufführung dieses Triptychons mehr erlebt. Als am 15. Oktober 1964 in dem Musikstudio der St. Bonifatiuskirche in Mannheim, der Zyklus von Lotte Zehm-Hauck, Sopran und Hans Dieter Wagner, Klavier uraufgeführt wurde, war er nicht dabei. Den 25. Mai 1979, erst zwölf Jahre nach seinem Tode, wurden diese Lieder von Marjanne Kweksilber, Sopran, und Theo Bles, Klavier, zum ersten Male öffentlich aufgeführt.
 
Ave Maria, gratia plena, Dominus tecum,
benedicta tu in mulieribus
et benedictus fructus ventris tui Jesus.
Sancta Maria, mater Dei, ora pro nobis peccatoribus,
nunc et in hora mortis nostrae. Amen.
 
 
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